Freie Evangelische Gemeinde Düsseldorf

Jahreslosung 2016

Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Jesaja 66,13.
Beim Hören dieses Bibelwortes tritt mir sofort meine vor 23 Jahren verstorbene Mutter vor Augen. Sie war eine sehr gütige Frau, und sie konnte trösten. Es fällt mir nicht schwer, die Jahreslosung zu verstehen, weil ich eine Mutter hatte, die trösten konnte. Als Kind mit einem aufgeschlagenen Knie in ihre Arme zu laufen und ihre heilsame Nähe zu spüren, tat gut. Als Jugendlicher ihr meine Fünf in Mathematik nicht verbergen zu müssen, während mein Vater als Bauingenieur nur sauer war, tat gut. Und ihr auch später in meiner Studienzeit und danach gelegentlich noch meinen Kummer anvertrauen zu können, tat gut. Sie konnte trösten und aufrichten. Durch sie hat Gott mich getröstet und aufgerichtet.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Dass dieses Wort Gottes kein leeres Versprechen ist, diese Erfahrung haben vor uns schon viele Menschen gemacht.
Am Beginn des 5. Jahrhunderts v.Chr. waren es enttäuschte Heimkehrer aus dem Exil, die sich das zum Teil wieder aufgebaute Jerusalem prächtiger und gerechter vorgestellt hatten. Sie brauchten Trost.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Auf dem Bild dazu sehen wir ein kleines Kind in den Armen der Mutter. Das Kind ist schutzbedürftig, es schaut sich nicht um, sondern sein Kopf ist ein wenig nach unten geneigt. Vielleicht sind seine Augen geschlossen.
Es muss jetzt gar nichts sehen, sondern nur die wohltuende Nähe der Mutter spüren. Seine Beine hängen in der Luft, aber das Kind hängt nicht in der Luft, weil die Mutter es festhält. Das genügt.
In der oberen Bildhälfte im Hintergrund, in der unteren im Vordergrund ist dezent, aber deutlich erkennbar ein leeres Kreuz. So verbindet der Künstler Gerhard Baumann die alttestamentliche Botschaft mit der neutestamentlichen: mit der Auferweckung des gekreuzigten Jesus tröstet uns Gott und wendet uns dem Leben zu.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Es gibt viele denkbare Situationen, in denen wir diesen Trost brauchen, vielleicht auch im neuen Jahr: In der Trauer um einen Menschen, der von uns gegangen ist. In Zeiten der Krankheit, deren Ausgang ungewiss ist. Oder bei beruflichem Misserfolg, über den niemand gerne spricht, weil wir ja angeblich alle erfolgreich sein müssen.

Ganz gleich, um welche konkrete Trauersituation es sich handelt ‒ Menschen, die „nicht bei Trost“ sind, die vielleicht sogar verzweifelt sind, sollen ‒ auch durch uns ‒ das Evangelium der Jahreslosung hören und spüren: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Solch ein mütterlicher Trost rührt tiefe Gefühle an; Gottes Trösten stillt unsre Sehnsucht nach Geborgenheit, so wie es viele Kinder bei ihrer Mutter erleben.
Nach biblischem Verständnis ist Gott kein geschlechtliches Wesen, er ist we-der Mann noch Frau, er ist auch kein Neutrum weil er eben kein Mensch ist. Umso erstaunlicher ist, dass das biblische Reden von Gott ‒ im Wissen um seine völlige Andersartigkeit ‒ dennoch Vergleiche gebraucht, die für uns Menschen verständlich und hilfreich sind. Ja, Gott ist auch mütterlich!
Es kann sein, dass der Vergleich mit einer Mutter nicht für jeden positiv ist. Denn wie es schwierige Erfahrungen mit Vätern gibt, kann es auch schwierige Erfahrungen mit Müttern geben, mit solchen Müttern, die nicht trösten können ‒ leider. Und doch hoffe ich, dass auch diejenigen, die von ihrer Mutter nicht getröstet worden sind, die Wahrheit der Jahreslosung erfahren.
Dass sie sich über die Nähe Gottes freuen können wie ein Kind, dem die Mutter sanft über den Kopf streicht und es ‒ mit oder ohne Worte ‒ spüren lässt: Ich hab dich lieb.
Das französische Lied von Yves Duteil „Prendre un enfant par la main“ beschreibt mit wunderbaren Worten das ganz Menschliche, um das es in der Jahreslosung geht, obwohl der Verfasser dabei wahrscheinlich nicht an sie gedacht hat. Darin heißt es u.a.: „Ein Kind an die Hand nehmen, um es nach Morgen zu führen, um ihm Vertrauen in seine eigenen Schritte zu geben. Ein Kind wie einen König behandeln, ein Kind in die Arme schließen und zum ersten Mal seine Tränen trocknen und dabei das eigene Gefühl der Freude unterdrücken…Ein Kind so nehmen, wie es zu dir kommt, und es in seinem Kummer trösten.
In seinen Abschiedsreden in Joh 14 spricht Jesus vom Heiligen Geist. Das dafür gebrauchte griechische Wort parákletos wird manchmal mit „Beistand“, „Helfer“ oder „Anwalt“ übersetzt. Martin Luther hat es mit „Tröster“ übersetzt. Alle Übersetzungen sind möglich und sinnvoll, aber „Tröster“ betont die seelsorgerliche Art des Heiligen Geistes besonders schön. Der Heilige Geist kann vieles ‒ für Luther gehörte das Trösten-Können zu dessen herausragender Qualität. Jesus weiß, dass die Jünger nach seinem Weggang traurig sein werden. Seine körperliche Unsichtbarkeit wird für sie verständli-cherweise mit Trauer verbunden sein. Deshalb verheißt Jesus ihnen den Heiligen Geist als Tröster, der gleichsam seinen Arm um ihre Schulter legt und sagt: „Ihr seid nicht allein, Gott ist da!“
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist zugleich ein Vorgeschmack auf unsere Zukunft, von der es im Buch der Offenbarung, Kap. 22,4+5 heißt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Einen Vorgeschmack davon dürfen wir schon im neuen Jahr erleben. Gott ist entschlossen, uns zu trösten, wann immer wir Trost brauchen. Aber nach biblischer Logik ist es deshalb nicht überflüssig, sondern sogar sehr sinnvoll, ihn genau darum zu bitten: „Komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt.“ (Feiern & Loben Nr. 283,2) Wir können sehr zuversichtlich in das neue Jahr gehen, denn Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Johannes Demandt

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