Freie Evangelische Gemeinde Düsseldorf

„Gut gemacht!“


Als gebürtiger Franke muss man sich im Rheinland erst mal an so manches gewöhnen. So war es zum Beispiel für meine zukünftige Frau, die ja hier geboren ist, am Anfang verwirrend, wenn ich auf die Frage, wie es mir denn gehe, antwortete: „Passt schon!“ Sie fragte dann immer nach, was denn los sei, welches Problem ich hätte. Dabei hatte ich gar kein Problem. Sie wusste einfach nicht, dass der Ausdruck „Passt schon!“ im Fränkischen das Höchste der Gefühle ist. Wenn ein Franke sagt „Passt schon!“, dann ist das ungefähr gleichbedeutend damit, wenn ein Rheinländer etwas in den höchsten Tönen lobt und ihm die Begeisterung aus allen Knopflöchern platzt. Zugegeben: In Sachen Enthusiasmus ist der Rheinländer deutlich näher am Dichter von Psalm 139. Denn der sagt in seinem Psalm zu Gott: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!“

Haben Sie das schon einmal zu Gott gesagt? Viele von uns haben wahrscheinlich schon einmal Gott für seine Schöpfung gepriesen – beim Spaziergang an einem sonnigen Frühlingstag, wenn sie am Strand dem Rauschen der Wellen gelauscht oder vom Gipfel eines Berges geblickt haben. Aber dankbar sein dafür, wie ich selbst gemacht bin? Gibt es an mir nicht viel zu viel auszusetzen? Gäbe es nicht eigentlich so viel zu verbessern?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Bewertungskultur zum Alltag gehört. Jeder Mitarbeiter wird in seinem Betrieb für seine Arbeit bewertet. Jede Schülerin bekommt für ihre Leistung eine Note oder zumindest eine Bewertung. Jugendliche (und auch nicht mehr ganz so Jugendliche) versuchen, in sozialen Netzwerken im Internet von ihren Mitmenschen nach oben gestreckte Daumen (neudeutsch „Likes“) zu bekommen für Bilder oder Wortmeldungen, die sie veröffentlichen. Jedes Restaurant muss darum kämpfen, auf den Bewertungsportalen im Internet so viele Sterne wie möglich zu bekommen. Und im Fernsehen können wir jeden Tag Menschen beobachten, die versuchen, etwas „Besonderes“ zu sein, durch irgendeine Fähigkeit (oder Unfähigkeit) berühmt zu werden.

Ich behaupte: Das geht auch an uns Christen nicht spurlos vorüber. Auch wir sind ja ein Teil der Gesellschaft. Und deshalb kennen auch wir dieses ständige Bewerten. Wir bewerten innerlich uns selbst und andere. Uns ist es wichtig, bei unseren Mitmenschen gut anzukommen. Und auch wir kennen den Primat der Selbstoptimierung – immer noch besser, schneller, weiter.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es ist eine großartige Errungenschaft der Moderne, dass Menschen durch Leistung etwas erreichen können, dass sie nicht vollkommen durch ihre soziale oder ethnische Herkunft vorherbestimmt sind in dem, was aus ihrem Leben werden kann! Doch die Kehrseite der Medaille kennen wir alle von uns selbst oder von anderen: Wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben. Wo einer mit dem Mercedes zum Büro fährt, muss ein anderer mit dem Fahrrad zum Arbeitsamt fahren.

Nun bietet Psalm 139 uns kein Patentrezept dafür, wie alle Menschen wohlhabend werden können. Auch wenn biblische Texte soziale Ungerechtigkeit immer wieder anprangern, so ist das doch nicht eine der zentralen Fragen. Vielmehr fragt uns der Psalmdichter mit seinem Lied: Wovon machst du deinen Wert abhängig? Davon, wie perfekt du bist – oder zumindest, wie nahe du an deine Vorstellung von Perfektion herankommst? Daran, wie viel Geld du mit deiner Arbeit verdienst? Daran, wie du aussiehst? Daran, was du kannst oder leistest? Daran, wie viele positive oder negative Bewertungen du von deinen Mitmenschen bekommst?

Der Psalmist erkennt seinen Wert in der Begegnung mit Gott. In der Gegenwart seines Schöpfers lernt er, sich mit Gottes Augen zu sehen. Es ist kaum anzunehmen, dass dadurch plötzlich seine körperlichen und charakterlichen Mängel wie weggewischt waren. Aber staunend erkennt er: Ich bin wunderbar von Gott gemacht! Auch mit dem, was ich (oder andere) manchmal gerne verbessern würden. Wenn Gott Sie und mich sieht, sagt er nicht nur „Passt schon!“ (außer vielleicht er hat es mit einem Franken zu tun), sondern „Dich hab ich toll hinbekommen!“ Darüber darf ich jeden Tag neu staunen und dankbar werden.

Philipp Herrmannsdörfer

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