Freie Evangelische Gemeinde Düsseldorf

Geduldiges Warten auf das Kommen des Herrn

2014 In der dritten Oktoberwoche war ich in London. Eine Stippvisite nach mehr als drei Jahrzehnten – und so verbrachte ich viel Zeit damit, einfach nur die Stadt „per pedes“ zu erkunden, um zu erspüren, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hat. Als ich die Oxford Street entlang schlenderte, bemerkte ich, dass bereits die Ketten der Weihnachtsbeleuchtung über der weltberühmten Einkaufsmeile hingen. Kurz darauf näherte ich mich einem gigantischen klassizistischen Bau, der sich mit seinen riesigen Säulen über fast einen ganzen Straßenblock erstreckte – das Kaufhaus „Selfridges“, für das der Begriff „Konsumtempel“ nicht treffender sein kann. Menschenmassen schoben sich an bereits weihnachtlich geschmückten Schaufenstern vorbei: Weihnachtsmänner, Rentiere, Schlitten dienten als Dekoration für die zur Schau gestellten Waren, untermalt von Pop-Weihnachtsmusik, die auf den Gehweg schallte.

Fassungslosigkeit ergriff mich: Weihnachten im Oktober? Ein Blick auf die vorbei hastenden Menschen um mich herum erinnerte mich an die gnadenlose Schnelllebigkeit, von der große Teile der Menschheit mehr und mehr ergriffen werden. Ihr Leben im sich immer schneller drehenden Hamsterrad der täglichen Anforderungen und Erwartungen lässt sie atemlos Termin um Termin abhaken. Und da wundert es nicht, dass schnell Weihnachten werden muss.
Ja, wir Menschen haben es vordergründig im Griff: Es muss glitzern und leuchten – wir haben Weihnachten schon lange vor der Zeit und verpassen dadurch den Advent!
„So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig … Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ (Jak 5, 7-8).
Der Advent hat viel mit Warten zu tun. Und Warten erfordert Geduld. Doch letztere gehört nicht mehr zu den Wahrzeichen unserer Zeit. Von Ruhe beim Warten auf Weihnachten keine Spur, sondern vielmehr noch mehr Hektik und Hetze: Massenhaft Geschenke kaufen, möglichst zig-Sorten Plätzchen backen, sich inmitten von Massen über Weihnachtsmärkte schieben etc., etc.
Doch der Autor des Jakobusbriefes mahnt uns zur Geduld. Denn wir vergessen leider zu oft, was bereits für die ersten Christen galt: Wir warten auf das Kommen des Herrn. Deshalb feiern wir ja Weihnachten. Wir sind sicher, dass Gott in die Welt kommt. Wir wissen zwar nicht, wie er kommt, aber er kommt ganz sicher. Jedes Jahr an Weihnachten erleben wir ein wenig davon. Jedes Jahr lohnt es, geduldig zu sein. Denn mit Weihnachten kommt die Hoffnung auf eine bessere Welt. Wir können uns im Advent trotz aller Hektik, trotz aller Dunkelheit, trotz aller persönlichen Belastungen auf Weihnachten vorbereiten.

Mir hilft da der Adventskranz. Wenn ich mir nur eine Viertelstunde pro Tag nehme, um in das Licht der Kerzen zu schauen, das von Woche zu Woche heller wird bis zum vollen Glanz der Weihnacht! Jeden Tag auf das warme Licht zu schauen, ist ein tröstliches und ermutigendes Zeichen dafür, was unser Glaube sagt und was Weihnachten ausdrücklich feiert: Diese Erde und mein Platz auf ihr ist kein gottverlassener Ort, sondern der Schauplatz, an dem Gottes Liebe Hand und Fuß und ein Gesicht bekommen hat. Selbst wenn körperliche oder seelische Schmerzen in dieser Zeit oft mehr wehtun als sonst, verliert das wärmende Licht der Adventskerzen davon seinen Glanz nicht. Es zwingt selbst der tiefsten Dunkelheit noch einen geschützten, heilen Raum ab.

Oft liegt viel Selbsthass und Verdrängung in der Hetze der Vorweihnachtszeit. Darum ist es umso wichtiger, dass wir auf uns und unsere Seele achten, damit sie atmen kann. Auf einem ganz bewusst besinnlichen Weg hin zu Weihnachten können wir so auch wieder mit uns selbst in Einklang kommen, indem wir behutsam mit uns und unserer Zeit umgehen. Indem wir uns selbst vor der Hetze um uns herum schützen, bewahren wir den lebenswichtigen Raum der Stille in uns, den Raum des Nachdenkens und Reflektierens, den Raum der Besinnung. Der Weg zur inneren Ruhe, damit wir der Sehnsucht auf Weihnachten nachspüren können, hat persönliche Zugänge: eine gestaltete Zeit, einen besonderen Ort, einen unsere Seele ergreifenden Text. Jeder suche seinen eigenen Weg.
Dann verspüren wir ganz langsam erneut: Gott kommt zu den Menschen. In Jesus kommt er als Kind, Erhofftes kommt, Heil für die unheile Welt, Friede von Gott her. Die Dunkelheit in unserer Welt ist groß, doch darf die Sehnsucht in uns auf Erfüllung hoffen! „Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung“, weiß schon Paulus im Römerbrief (Röm 8, 24).

Nehmen wir die Lichter des Advents bewusst als Vor-Zeichen für etwas wahr, das wir hoffen, aber noch nicht sehen. Unsere Sehnsucht geht nicht ins Leere. Das ist die frohe Botschaft im Advent!
Andreas Smidderk

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