Das unidyllische Fest

Ostern ist das höchste Fest des Kirchenjahres und zusammen mit Pfingsten auch das älteste, dessen Termin seit dem Konzil von Nicäa 325 auf den ersten Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond festgelegt wurde. Aber: Weihnachten ist „populärer“ weit über die Grenzen des Christentums hinaus. Ich erinnere mich gut an große Weihnachtsbäume, mit Kunstschnee bestäubt vor Hotels in Bangkok, die doch einen etwas deplatzierten Eindruck machten.
Weshalb ist – trotz vieler Osterbräuche und trotz Osterhase und Schokoladeneiern – Ostern kein so populäres, emotional aufgeladenes Familienfest geworden wie Weihnachten?
Es gibt äußere Gründe: ein neugeborenes Kind ist massenwirksamer als ein knapp 30-jähriger Mann; die Weihnachtszutaten – Engel, Hirten, Schafe, Könige – sind Idylle tauglicher, aber das allein kann es nicht sein.
Die Weihnachtsbotschaft „Gott kommt auf die Welt und lässt sich auf unser Leben ein“ klingt freundlich und sprengt den Rahmen unserer Vorstellungskraft, zumindest vordergründig, nicht völlig. Der Gott, der da als Kind zu uns kommt, ist erträglich.
Anders zu Ostern: Gott ist erwachsen geworden, alles Niedliche ist verschwunden. Er hat Kante gezeigt, ist unbequem geworden. Er legt sich mit den Mächtigen an, ist kompromisslos und unbeirrbar. Da ist nichts Idyllisches mehr. Ostern, im Gegensatz zu Weihnachten, kann nicht verharmlost werden.

Ostern zeigt uns einen Mann, der im Namen Gottes seinen Weg konsequent zu Ende geht, der rücksichtslos gegen sich selbst die Wahrheit vertritt und damit auch alle anderen zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen: Neid, Hass, Feigheit und Angst.
Aber dann ist nicht Ende, dieser Jesus, der von der Wahrheit nicht abrückt und dadurch alle Menschen um ihn herum zwingt, ihre Wahrheit preiszugeben, geht einen Schritt weiter, er lässt sich nicht nur auf unser Leben ein, sondern auch auf unsern Tod. Da ist endgültig jede Idylle vorbei, da ist nichts mehr zu beschönigen. Kreuzigungsbilder sind weder „schön“ noch romantisch. Gräber eignen sich nicht zur familiengerechten Vermarktung. Und ohne den Tod, einen sehr realen Tod, und ohne ein tatsächliches Grab ist Ostern nicht zu haben.
Zu Ostern gehören auch die drei Tage Ungewissheit, die drei Tage des augenscheinlichen Scheiterns und der Genugtuung der Gegner Jesu, die ausgehalten werden mussten. Erst danach wird alles anders – so anders, dass selbst Jesu Freunde einige Zeit brauchten, um es zu begreifen. Die Auferstehung Jesu ändert die Welt so radikal, dass es Vielen bis heute schwer fällt daran zu glauben. Die Vergänglichkeit der physischen Welt bedeutet nicht Vergänglichkeit an sich. Leben ist mehr als physische Existenz, Leben geht weit darüber hinaus, und das macht Jesus uns zugänglich – das ist die Botschaft von Ostern, und die ist zu überwältigend um „populär“ zu werden.

Renate Wagner, Mai 2013


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