„Damit eure Hoffnung immer unerschütterlicher wird.“

Die letzten Wochen des Kirchenjahres werden von vielen Menschen als bedrückend empfunden. Das liegt wohl nicht nur an der zunehmenden Dunkelheit und dem in unsern Breitengraden häufigen Schmuddelwetter, sondern auch an bestimmten Gewohnheiten: An „Allerheiligen“ gehen Katholiken auf den Friedhof, um die Gräber ihrer Angehörigen zu schmücken, ein November-Sonntag heißt „Volkstrauertag“, ein anderer wird meist als „Totensonntag“ bezeichnet. Im Vordergrund stehen das Gedenken an die Verstorbenen und die Trauer über ihren Verlust. Viele empfinden: Der Tod eines Angehörigen oder eines Freundes hat mich ärmer gemacht. Diese Empfindung kann ein Ausdruck der Dankbarkeit für gemeinsam erlebte Jahre sein. Aber stärker als die Dankbarkeit ist häufig die Trauer. Das definitive Ende eines Menschenlebens, seine Unwiederbringlichkeit versetzt viele Trauernde in eine innere Dunkelheit, deren Ende sie nicht absehen können.
Auch Christen können davon betroffen sein. Wenn ich auf einem Friedhof stehe und einen Menschen zu beerdigen habe, der – so unvollkommen, wie man es sich nur denken kann – im Glauben an Jesus Christus gelebt hat, ermutigt mich das Bibelwort aus 1. Petrus 1,3: „Gelobt sei Gott, der Vater unsers Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ (Rev. Luther)
Christen sind Menschen mit einer lebendigen Hoffnung. Nicht etwa weil sie sich eine solche in krankhaft-religiöser Phantasie ausgedacht hätten, sondern weil sie den biblischen Augenzeugen des auferstandenen Jesus Glauben schenken. Das österliche Handeln Gottes an Jesus und das glaubwürdige Zeugnis derer, die ihn nach Ostern in neuer Leiblichkeit gesehen haben, sind das Fundament unserer Hoffnung. Wir können fest damit rechnen, dass wir nach unserm Sterben genauso wie Jesus mit einem neuen Leib beschenkt werden. Deshalb spielt es keine Rolle, ob ein Leichnam im Sarg beerdigt wird und so verwest oder ob er verbrannt und in einer Urne beigesetzt wird oder ob seine Asche auf hoher See den Wellen übergeben wird. Die Neigungen zu der einen oder anderen Form der Bestattung sind unterschiedlich, für Gott ist keine ein Problem.

Darum sollen unsere Blicke auch nicht so auf den Sarg oder die Urne fixiert sein, als befinde sich darin noch der Mensch, den wir gekannt haben. Was wir bestatten, ist – bei allem Respekt vor der gottgegebenen Leiblichkeit ‒ nur das, was sowieso ver-gänglich ist. Der Gestorbene hat durch den Glauben schon „den Schritt vom Tod ins Leben getan“ (Joh 5,24; NGÜ). Das Unvergängliche dieses Menschen ist bei Gott aufgehoben. Durch die Wirkung des Heiligen Geistes ist er ein für alle Mal mit dem auferstandenen Jesus verbunden. Dies auszusprechen, ist keine billige Vertröstung aufs Jenseits, sondern kostbarer Ausdruck christlicher Hoffnung, gegründet auf das biblische Evangelium. Diese begründete Hoffnung ermöglicht uns, Gott auch in der Trauer zu loben. Und sie hat Einfluss auf unser Leben.

Mit dieser Hoffnung im Herzen sind wir frei von dem Druck, aus dem diesseitigen Leben mit allen Mitteln noch das Äußerste „herauszuholen“, weil für die Zeit danach angeblich nichts mehr zu erwarten ist. Das Evangelium von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten zeigt uns das Gegenteil: Leben, Leben, Leben ‒ in gänzlich neuer Qualität und unzerstörbar.
Seit der Auferstandene dem Christenverfolger Paulus vor Damaskus persönlich begegnet war, war der von der Sehnsucht erfüllt, diese Tatsache möglichst vielen Menschen mitzuteilen. In seinem Brief an die Christen in Rom äußert er den „Wunsch, dass Gott, die Quelle aller Hoffnung, euch in eurem Glauben volle Freude und vollen Frieden schenkt, damit eure Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes immer unerschütterlicher wird.“ (Römer 15,13; NGÜ)

Die dunkle Jahreszeit muss uns nicht bedrücken. Der „Totensonntag“ kann für uns zum „Ewigkeitssonntag“ werden, an dem uns die Sonne der Hoffnung aufgeht. Das Gedenken an Verstorbene kann uns lehren, dass auch wir einmal sterben müssen, und uns dadurch zu lebensklugen Menschen machen (Psalm 90,12). Zu Menschen, die im Hinschauen auf den auferstandenen Herrn Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes eine immer unerschütterlichere Hoffnung gewinnen.
P. Dr. Johannes Demandt