… und bewegte sie in ihrem Herzen.

Vertraut klingen uns diese Worte aus Lukas 2. Jeder weiß, es sind Worte von Maria, Worte aus der Weihnachtsgeschichte in der Übersetzung von Martin Luther. Viele Jahre hörte ich diese Worte mindestens einmal an den Weihnachtstagen. Immer wieder fragte ich mich, ob es keine zeitgemäßere Übersetzung gibt, die das trifft, was in Maria vorging.
Nun gibt es heute viele moderne Übersetzungen, zum Beispiel: „Maria aber prägte sich alle diese Dinge ein und dachte immer wieder darüber nach.

Aber keinem „Versuch“ gelingt es auszudrücken, wie sehr Kopf und Herz, Verstand und Gefühl eine Einheit bilden. Es ist offensichtlich: Diese Worte sind einmalig, und wir finden nichts Entsprechendes in unserer modernen Sprache. Den Grund glaube ich zu kennen: Uns ist der Vorgang selbst fremd geworden, fremd im Umgang mit Menschenworten, fremd im Umgang mit Gottes Wort.

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Wir bewegen kaum noch Worte, wir haben mit dem Behalten bereits unsere Schwierigkeiten. Wir schreiben lieber zu jeder Gelegenheit mit. Fotokopierer und Scanner haben Hochkonjunktur. Worte, die in einem Aktenordner ruhen, beunruhigen uns nicht. Maria aber war anders: Sie behielt und sie bewegte. Sie zeigt keine der für uns typischen Reaktionen auf die Anrede Gottes.

Uns ist es immer wichtig, Gottes Wort

– zu verstehen,
– zu akzeptieren,
– für wahr zu halten,
– anderen weiterzusagen.

Dagegen ist nichts einzuwenden, doch haben die Begriffe dieser Liste eins gemeinsam: Jede dieser Aktivitäten steht in der Gefahr, einen Abschlusspunkt zu bilden, die „Informa­tion“, die Gott uns schenkt, zu verarbeiten, abzuhaken, einzuordnen. Marias Umgang mit dem Wort, das ihr Herz erreicht hat, ist ganz anders, ist grundsätzlich anders: Gottes Wort lebt in ihr. Sie hat vielleicht nicht alles verstanden, sie weiß heute noch nicht, welche Bedeutung dieses Wort morgen für sie haben wird. Sie lässt sich auf das Wort und damit auf das Wagnis des Glaubens ein.
Nicht sie hat ihr Leben und ihren Glauben in der Hand, sondern sie gibt sich in Gottes Hand. Nicht sie hat sein Wort „begriffen“, schon gar nicht im Griff, sondern sie lässt sich von seinem Wort ergreifen, lässt es in sich leben, wachsen und reifen.

Der so einfache halbe Satz am Schluss der Weihnachtsbotschaft soll seine Wirkung bei uns haben, so dass uns das Bewegen des Wortes in unserem Herzen nicht fremd bleibt, uns nicht als antiquierte Vorstellung erscheint, sondern vertraut wird. Denn solches Bewegen ist der rechte Umgang mit Gottes Wort. Und wenn wir die aufgeregten Diskussionen in unserer Zeit beobachten, dann sollten wir uns fragen, ob wir diesen Umgang auch mit Menschenworten pflegen, ob wir bereit sind, den anderen ernst zu nehmen, seine Gedanken und Argumente an uns heranzulassen und sie in unserem Herzen zu bewegen – was nicht bedeuten muss, ihnen immer zu folgen.

Wolfgang Jüschke